Lärmschutz an der Schiene: Der Fall Pleinting soll Schule machen

Berlin/Vilshofen, 24. Mai 2017. Um sich für einen Schienen-Lärmschutz einzusetzen, der auf die Besonderheiten ihres Heimatortes Rücksicht nimmt, ist die Pleintingerin Johanna Petraschka in der vergangenen Woche nach Berlin gefahren. Eingeladen zu einer Schienenlärm-Expertentagung im Deutschen Bundestag hatten sie die beiden niederbayerischen SPD-Abgeordneten Rita Hagl-Kehl und Christian Flisek. Auf Drängen der beiden Parlamentarier nahm sich auch Hans-Georg Zimmermann, Sprecher Lärmschutz bei der Deutschen Bahn, der Sache an. Er will das Thema in die Konzernzentrale tragen.

Die engagierte Bürgerin und die beiden Abgeordneten wünschen sich, dass der Fall Pleinting bundesweit Schule macht. Die bisher in dem vilshofener Ortsteil gemachten Erfahrungen sollen das voranbringen, was Bahnexperten „innovativen Lärmschutz“ nennen. Es geht dabei um Maßnahmen, mit denen besonders viel Rücksicht auf die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort genommen werden kann. Dazu gehören spezielle niedrige Schallschutzwände, Gabionen mit Natursteinen und verschiedene Dämpfungssysteme, die nahe an der Lärmquelle, zum Beispiel direkt am Schienensteg angebracht werden. Je nach Ortslage können solche Lösungen die plumpen Lärmschutzwände überflüssig machen, die landauf, landab grau-grüner Standard sind: Hässlich, billig, wirksam, häufig mit Schmierereien verziert – Planer und Behörden nennen diese Wände auch heutzutage noch „effizient“.

Johanna Petraschka hat sich gestört an dieser Art Effizienz nach dem Motto „ein altes Paar Schuhe passt für alle“ und sie ist dann einen mühsamen Weg gegangen. Bei ihren Nachbarn, der Bahn und dem Bundesverkehrsministerium hat sie ihr Anliegen vorgebracht und immer dort viel Zuspruch erhalten, wo sie ihre Argumente erläutern durfte. Ihre Zauberformel lautet „innovativer Lärmschutz statt Berliner Mauer“. Petraschka: „Als die Deutsche Bahn den Lärmschutz entlang der Strecke zwischen Vilshofen und Plattling plante, hat sich niemand Gedanken darüber gemacht, welche verheerenden Folgen eine drei Meter hohe Aluminium-Blechwand für den Reiz unseres Ortes und für unsere Lebensqualität hat.“ In der Form, in der die Wand ursprünglich gebaut werden sollte, zerstöre sie Blickachsen auf die Donau, erzeuge im Sommer Hitzestauungen und bedrohe das historische Erbe der über 1.200 Jahre alten Ortschaft, die fortan optisch zerschnitten wäre.

Einen handfesten Vorschlag, wie die Sache finanziell anzupacken wäre, hat Johanna Petraschka auch parat: In einem Gleisabschnitt, der ohnehin von einer hohen Böschung eingefasst ist (Streckenkilometer 27,0 – 25,3 km), könnten die Kosten für eine hohe Wand eingespart und stattdessen für innovativen Lärmschutz an anderer Stelle verwendet werden.
Die SPD-Abgeordnete Rita Hagl-Kehl ist Mitglied im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages und hatte Ende 2016 begonnen, sich in Berlin für Pleinting einzusetzen: „Johanna Petraschka ist von Pontius zu Pilatus gelaufen, um etwas zu erreichen, was sich mit gesundem Menschverstand eigentlich von selbst verstehen müsste: Einen orts-sensiblen Lärmschutz, bei dessen Planung sich die Anwohner, die ja gerade von ihm profitieren sollen, direkt einbringen können. Weil sich niemand bei der Bahn und den Behörden wirklich verantwortlich fühlte, sei ihr kaum etwas anderes geblieben, als vor Gericht zu ziehen. Jetzt ruhe das Verfahren, bis auf weiteres werde im Streckenabschnitt in Pleinting nicht gebaut.

Der Passauer Bundestagsabgeordnete Christian Flisek sicherte Johanna Petraschka weiterhin seine Unterstützung zu. „Ich habe mir die Situation vor Ort persönlich angeschaut und stehe klar auf der Seite von Frau Petraschka. Es kann nicht sein, dass die Deutsche Bahn technische Innovationen beim Lärmschutz nicht berücksichtigt und weiterhin hässliche Lärmschutzmauern durch die Städte und Dörfer baut. Dadurch wird ein Stück unserer Heimat zerstört. Die Anwohner haben ein Recht auf Lärmschutz. Sie haben aber auch ein Recht darauf, dass ihr Dorf nicht verschandelt wird.“

Hagl-Kehl: „Das Bundesverkehrsministerium erklärte im Verkehrsausschuss, generell mangele es nicht an der technischen Zulassung innovativer Lärmschutzmaßnahmen, sondern eher an der Bereitschaft der Deutschen Bahn, diese auch anzuwenden.“ Die Bahn wiederum verweise verständlicherweise immer darauf, sie könne nur bauen, was gesetzlich zulässig sei und auch bezahlt werde. „Dieses Ping-Pong-Spiel muss beendet und durch Einsatz für die Sache abgelöst werden! Wir wollen Pleinting zum Musterbeispiel für einen Lärmschutz machen, der auf örtliche Gegebenheiten zugeschnitten ist. Hans-Georg Zimmermann aus der Konzernzentrale der Deutschen Bahn hat uns jetzt zugesagt, die Sache dorthin nochmal mitzunehmen. Ich hoffe, die Bahn erkennt, dass Pleinting sogar das Potential hat, das Thema innovativer Lärmschutz deutschlandweit voranzubringen. Für Pleinting selbst würde es mich freuen, wenn wir einer konkreten Lösung noch in diesem Sommer gemeinsam näherkommen.“

Ansprechpartner: Jonas Fritz, Büroleiter Berlin, Tel. 030 227 78298, E-Mail: rita.hagl-kehl.ma02@bundestag.de

Veröffentlicht in Allgemein

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